Projektinhalt

In welchem Ausmaß und unter welchen Umständen nehmen Migrant(inn)en, die als Erwachsene nach Deutschland einreisen, inländische Bildungsangebote wahr? Untersucht werden zum einen individuelle, soziale und strukturelle Einflüsse und subjektive Sinngebungsprozesse seitens der Individuen. Zum anderen werden gesetzliche Zugangs- und Ausschlussregeln und Auswahlpraktiken involvierter institutioneller Akteure analysiert. Damit widmet sich das Projekt der ungleichheitssoziologischen Kernfrage nach dem Zusammenwirken von Selbst- und Fremdselektion, hier am Beispiel der Disparitäten der Bildungsbeteiligung im Erwachsenenalter in den grenzüberschreitenden Lebensverläufen von Zugewanderten. Von Interesse sind dabei der Besuch formaler Bildungsgänge ­ also nachholende Schul- oder Ausbildung ­ sowie berufliche Weiterbildung hierzulande. Denn inländische Bildung erhöht die Chancen von Migrant(inn)en auf eine Erwerbstätigkeit generell und auf qualifizierte Beschäftigung im Besonderen.

Ausgehend von der unterdurchschnittlichen Bildungspartizipation von Zugewanderten in Deutschland, zielt das Projekt auf einen vertiefenden Binnenvergleich zwischen Migrant(inn)en ab. Das Forschungsdesign kombiniert quantitative mit qualitativen und institutionenanalytischen Teiluntersuchungen:

Ausmaß und Formen der inländischen Bildungsbeteiligung werden erstens in einem breiten Überblick historisch rückblickend mit retrospektiven Lebensverlaufsdaten der Erwachsenenbefragung des Nationalen Bildungspanels (NEPS) untersucht. Im zweiten Schritt fokussieren Analysen mit dem ebenfalls national repräsentativen Panel Arbeitsmarkt und soziale Sicherung (PASS) auf die Gruppe von ­ überproportional häufig ­ arbeitslosen Zugewanderten und die Teilnahme an Bildungsangeboten der staatlichen Arbeitsvermittlung in der zweiten Hälfte der 2000er-Jahre. Multivariate Analysen sollen die grundsätzliche Relevanz, die relative Stärke und die Vermittlung unterschiedlicher struktureller Einflussfaktoren klären. Pfade hin und vorbei an einer Bildungsbeteiligung sowie deren subjektive Deutungen werden qualitativ mittels leitfadengestützter, teilnarrativer Interviews mit Migrant(inn)en erforscht, deren ausländische berufliche Abschlüsse nicht anerkannt wurden. Hierbei werden Personen mit und ohne aktuelle Bildungsbeteiligung verglichen. Insbesondere interessiert die Deutung des potenziellen Spannungsverhältnisses zwischen der Entwertung der bisherigen Bildung und dem Neuerwerb inländischen kulturellen Kapitals. Mechanismen der Fremdselektion werden durch Analysen gesetzlicher Regelungen im Bildungssystem, dem Zuwanderungs- und Ausländerrecht und der aktiven Arbeitsmarktpolitik für den Zeitraum von 2005 bis ca. 2014 ebenso in den Blick genommen wie die Auswahlpraktiken durch Experteninterviews mit Akteuren der Arbeitsvermittlung, Beratungsstellen und aufnehmender Bildungsinstitutionen. Die Auswertung fokussiert hier auf die Bewertung der Eignung für eine Bildungsbeteiligung und migrationsbezogene Spezifika.