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Der heute veröffentlichte nationale Bildungsbericht 2016 einer unabhängigen Wissen­schaftler/ innen-Gruppe schreibt der Bildungs‑ und Ausbildungspolitik von Bund und Ländern fünf Her­aus­for­derungen ins Stammbuch, die sie in den nächsten Jahren lösen müssen ...

  • Die im Zuge der anhaltenden Bildungsexpansion weiter an den Rand gedrängten un­teren Bil­dungsabschlüsse müssen verbessert und aufgewertet werden, wenn Jugend­liche mit maximal Hauptschulabschluss nicht noch weiter an den Rand der Gesell­schaft gedrängt werden sollen.
  • Die vor allem im Zugang zur beruflichen Bildung anhaltende Chancenungleichheit (250.000 Ju­gendliche im Übergangssystem) ist abzubauen.
  • Die sich verschärfenden regionalen Ungleichheiten in den Bildungschancen zwischen und innerhalb der Bundesländer muss man auszugleichen versuchen.
  • Die sich ausweitende Privatisierung von Schul‑ und Hochschulbildung sollte in ihren sozialen Effekten und strukturellen Rückwirkungen auf das öffentliche Bildungswesen geprüft werden.
  • Das Verhältnis von Hochschulstudium und Berufsausbildung ist unter der Bedingung fort­schrei­tender Akademisierung neu zu gestalten.

 Den drängendsten Handlungsbedarf aber sieht die Autorengruppe bei den weiter beste­henden Problemen der Bildungsbeteiligung von Menschen mit Migrationshintergrund und der Integration der asyl‑ und schutzsuchenden Flüchtlinge in Bildung und Ausbildung. Von ihnen sind über die Hälfte unter 25 Jahre alt und überwiegend männlich. Allein für die 2015 zugewanderten Flüchtlinge unter 25 Jahren entsteht nach einer in zwei Varianten vorgelegten Modellrechnung des Bildungs­berichts ein zeitnaher Bedarf von zwischen 33.000 und 44.000 Erzieher/innen, Lehrkräften und Sozial­pä­da­gog/innen. Für sie und die laufenden Sachausgaben müsste die öffentliche Hand jähr­lich 2,2 (Va­riante 1 mit 60 % verbleibenden Flüchtlingen) bzw. 3 Mrd. Euro (2. Variante 80 % Ver­bleib) jährlich zusätzlich aufbringen.

Die Modellrechnung markiert in beiden Varianten eher den unteren Rand des Bedarfs: Sie berück­sichtigt weder die Flüchtlinge aus 2013 und 2014 noch die 100.000 bis 200.000 Personen im Alter von 25-35 Jahren und bezieht auch die Zehntausende von betrieblichen oder außerbetrieblichen Ausbildungsplätzen, die in der nächsten Zeit jährlich benötigt werden, nicht mit ein.

Der Bericht zeigt für Niedersachsen, dass es 2014 das Bundesland mit dem höchsten Anteil an Schulabsolventen mit mittlerem Abschluss (50 % an gleichaltriger Bevölkerung) von allen west­li­chen Ländern, auch relativ niedrigem Anteil sowohl an Jugendlichen mit maximal Hauptschul­ab­schluss (19 %) als auch an Absolventen mit allgemeiner Hochschulreife (31 %) hat. Angesichts dieser für Berufsausbildung relativ günstigen Absolventenstruktur zeigen sich im Übergang zur Be­rufs­aus­bil­dung deutliche Schwächen des Ausbildungssystems: Es weist mit 47,5 % einen der niedrigsten An­teile von Neuzugängen zum dualen System und mit 19 % auch zum Schulberufssystem von allen westlichen Bundesländern auf, hat dementsprechend mit 34 % nach Baden-Württemberg, für das besondere Bedingungen gelten, den größten Anteil am Über­gangs­system, das zu keinem Be­rufs­abschluss führt. Den Grund für die Schieflage liefert der Bil­dungs­bericht auch: Niedersachsen hat mit Nordrhein-Westfalen zusammen die ungünstigste An­ge­bots-Nachfrage-Relation im dualen Sys­tem. Das Angebot an Ausbildungsplätzen bleibt 12 % hinter der Nachfrage der Jugendlichen zurück, in einem Arbeitsagenturbezirk (Hameln) sogar um 23 %.

 „Für die Herausforderung, in den kom­men­den Jahren einige Tausend asyl‑ und schutzsuchende Ju­gend­liche beruflich integrieren zu müssen, sind in Niedersachsen erhebliche Anstrengungen zur Schaf­fung betrieblicher wie auch außer‑ und überbetrieblicher sowie schulischer Ausbildungsmög­lich­keiten nötig“, resümiert Prof. Dr. Martin Baethge, Mit­glied der Autorengruppe Bildungsberichterstattung und Präsident des SOFI.

 

Mitglieder der Autorengruppe:

Prof. Dr. Kai Maaz (DIPF) – Sprecher der Autorengruppe, Prof. Dr. Martin Baethge (SOFI), Pia Brugger (Destatis) – Lt. Regierungsdirektorin, Prof. Dr. Hans-Peter Füssel (DIPF) – Lt. Re­gie­rungs­direktor, Heinz-Werner Hetmeier (Destatis, bis 30.09.2015), Prof. Dr. Thomas Rauschenbach (DJI), Prof. Dr. Ulrike Rockmann (StaLä), Prof. Dr. Susan Seeber (Universität Göttingen), Prof. Dr. Andrä Wolter (HU Berlin/DZHW)

 

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