Projektinhalt

Ein Projekt im Rahmen der BMBF-Fördermaßnahme „Zusammenhalt stärken in Zeiten von Krisen und Umbrüchen“


Der demografische Wandel polarisiert. Markante sozialräumliche Disparitäten bilden sich heraus. Die europäische, bundesstaatliche wie auch länderbezogene Verteilungs- und Förderpolitik konnten in den vergangenen Jahren diesen Trend der dispersen räumlichen Entwicklung nicht umkehren. Das raumplanerische Zentrale-Orte-Konzept, das die flächendeckende Versorgung der Bevölkerung mit öffentlichen und privaten Dienstleistungen sicher stellen soll, konnte weder den infrastrukturellen Rückbau in Schrumpfungsregionen hinreichend abfedern, noch die infrastrukturelle und soziale Segregation städtischer Quartiere in Wachstumsregionen mildern. Vor diesem Hintergrund fragt ein neues SOFI-Projekt nach der Zukunft wirtschaftlicher Versorgung im ländlichen Raum und nach der Festigkeit sozialer Bindekräfte in Zeiten soziodemografischen Wandels.


Gemeinsam mit Prof. Dr. Claudia Neu von der Universität Göttingen (Lehrstuhl Soziologie ländlicher Räume) forscht das SOFI seit Oktober 2017 zu der Frage, in welcher Weise in ökonomisch und demografisch prekären Regionen soziale Infrastrukturen stabilisiert und hergestellt werden können, die gesellschaftlichen Zusammenhalt in einer offenen und vielfältigen lokalen Gesellschaft ermöglichen. Es geht um die Entwicklung eines soziologisch informierten Konzepts „Sozialer Orte“. Die sozialwissenschaftliche Ausarbeitung dieses Konzepts wird durch eine juristische und eine raumplanerische Expertise ergänzt. Hier stehen dem Projekt Prof. Dr. Jens Kersten von der Ludwig-Maximilians-Universität München und Heike Brückner von der Bauhaus-Universität Dessau zur Seite.


Das Konzept „Soziale Orte“ wirft zunächst kritische Fragen auf: Was bedeutet es für die Ausgestaltung lokaler Demokratie, wenn die Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse nicht mehr überall gegeben ist und sich öffentliche Infrastrukturen aus der Fläche verabschieden? Welche lokalen bzw. regionalen Ressourcen und Aktivitäten stehen dem entgegen und wie können sie gestärkt werden? Diese kritischen Fragen beleuchten zentrale gesellschaftliche Fragen, denn fehlt es an Daseinsvorsorgeleistungen, die stets Motoren der sozialen und territorialen Integration waren, dann mangelt es auch an Orten der Begegnung und Kommunikation im öffentlichen Raum. Zudem gehen mit den Schließungen von lokalen Verwaltungseinrichtungen, Sparkassen, Schulen und Arztpraxen die lokalen Trägergruppen und Milieus des Engagements verloren, die sozialen Zusammenhalt gewährleisten. Regionen, Kleinstädte, Dörfer und Stadtquartiere verlieren ihre Mitte. Offensichtlich bedarf es daher neuer (Infra-)Strukturen und Institutionen, die konstruktiv auf die aktuellen Herausforderungen reagieren und neue Modi und Formen der Kohäsion schaffen. Diese Fragen werden in lokalen Kontexten untersucht.


Für einen dieser Kontexte steht exemplarisch der Landkreis Saalfeld-Rudolstadt in Thüringen, der im Rahmen des SOFI-Projekts zentrale Untersuchungsregion ist. Nach langen Jahren des ökonomischen Umbruchs, der mit erheblichen Arbeitsplatzverlusten verknüpft war, und infolge des markanten demografischen Wandels, der sich in der anhaltenden Abwanderung junger, qualifizierter Arbeitskräfte spiegelt, steht die Region, ihre Dörfer und Kleinstädte vor erheblichen Herausforderungen. Um diese Herausforderungen im Sinne einer demokratischen Gesellschaftskultur anzugehen, bedarf es der Verbindung öffentlichen Handelns, bürgerschaftlichen Engagements und unternehmerischer Initiative. Es müssen „Soziale Orte“ entstehen, die nicht von oben nach unten oder von innen nach außen politisch dekretiert werden, sondern die über Akteure und Institutionen eigene und neue Wege finden, sozialen Zusammenhalt zu stiften. Das Forschungsprogramm des Projekts umfasst landkreisweite Befragungen sowie Expertengespräche, Interviews, Workshops und künstlerische Interventionen.