Vortrag Innovation und Digitalisierung

Heidemarie Hanekop und Patrick Feuerstein referieren auf dem Kongress der Deutschen Gesellschaft für Soziologie 2016 in der Sektion Wissenschafts- und Technikforschung "Ambivalenzen der Kommunikation und Kollektivität im Internet" über das Spannungsverhältnis in OSS Projekten mit Unternehmensbeteiligung.

In der Softwarebranche hat sich seit den 90er Jahren mit der Open Source Softwareentwicklung (OSS) eine besondere Form gemeinschaftlicher Softwareentwicklung etabliert, die - so die verbreitete These - durch die selbstorganisierte, kollektive Form der Wissensproduktion den Austausch zwischen vielen, wechselnden und heterogenen Akteuren ermöglicht. Wissensbestände, die traditionell proprietär und auf viele unterschiedliche Akteure verteilt waren, könnten auf diese Weise kombiniert werden, was eine höhere Innovationskraft zur Folge hätte. OSS Softwareproduktion wird daher auch zunehmend von Unternehmen als Teil der eigenen Innovationsprozesse als Entwicklungsmodell eingesetzt.

Derart „geöffnete“ Innovationsprozesse gehen jedoch auch mit erhöhten Unsicherheiten einher. So sind OSS Communities zunächst recht fragile soziale Gruppen, die in vielerlei Hinsicht kollektive Handlungsprobleme aufwerfen und nur unter bestimmten Umständen zu strategie- und handlungsfähigen Akteuren werden. Die beteiligten Unternehmen stehen als kommerzielle Akteure vor dem Problem, dass sie als Organisationen traditionell operativ geschlossen sind, und die „Öffnung“ vormals intern organisierter Innovationsprozesse z.T. erhebliche Probleme aufwirft. Zudem sind OSS-Communities aufgrund der gemeinschaftlichen Governance der Community für Unternehmen nur schwer steuerbar.

Ausgehend von diesem Spannungsverhältnis, beabsichtigt der Beitrag anhand einer Fallstudie eines etablierten OSS-Projektes mit strategischer Beteiligung von Unternehmen unterschiedlichen Mechanismen der „Schließung“ in OSS-Projekten nachzugehen. Wir analysieren sowohl die auffindbaren Strukturierungs- und Institutionalisierungsprozesse, mithilfe derer die Community ihre eigene Praxis verstetigt und organisatorisch zu beherrschen trachtet, als auch die Strategien und Möglichkeiten, die sich für die beteiligten Unternehmen stellen, wenn sie versuchen, die Arbeit in der Community in ihrem Sinne zu beeinflussen. Es zeigt sich, dass dabei weder die gemeinschaftliche Governance der  Community durch die Unternehmen außer Kraft gesetzt werden, noch die beteiligten Unternehmen der OSS-Community machtlos ausgeliefert sind.