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Das Soziologische Forschungsinstitut Göttingen (SOFI) verliert mit Ulf Kadritzke, der am 14.11.2020 völlig überraschend und für uns alle bestürzend in Berlin verstorben ist, einen über Jahrzehnte eng verbundenen Kollegen. Höchst anregend, Diskussionen vorantreibend, kreative Anstöße gebend, so werden wir Ulf Kadritzke in Erinnerung behalten.

Ulf Kadritzke hatte sich bereits, bevor er 1974 ins SOFI kam, mit seiner Dissertation „Angestellte – die geduldigen Arbeiter“ thematisch einschlägig ausgewiesen: Im Institut ging es darum, gemeinsam mit ihm das bis dahin zunächst auf die Arbeits- und Lebenssituation von Industriearbeiter*innen konzentrierte Forschungsprogramm um die Frage nach der Zukunft von Angestelltenarbeit und der Interessenorganisation von Blue-Collar- und White-Collar-Beschäftigen zu erweitern.

Nach seinem Ruf auf eine Professur für Industrie- und Betriebssoziologie an der Hochschule für Wirtschaft und Recht in Berlin blieb Ulf Kadritzke dem SOFI als Berater und kritischer Begleiter laufender Projekte eng verbunden. Die Basis hierfür war das gemeinsame Wissenschaftsverständnis einer praxisbezogenen Sozialforschung, die sich um frühzeitige Erkennung und, soweit möglich, Erklärung sozial relevanter Entwicklungen bemüht.

Diesem Grundverständnis folgte u.a. die in Zusammenarbeit mit Martin Baethge und Joachim Denkinger Anfang der 1990er-Jahre durchgeführte Untersuchung zu Arbeits- und Gesellschaftsorientierungen von Angestellten in Leitungsfunktionen, deren Befunde – unter dem Titel „Das Führungskräfte-Dilemma“ veröffentlicht – in der Arbeitssoziologie und in den Interessenverbänden breit rezipiert wurden.

Ulf Kadritzke hat seine Forschungsarbeiten zu Entwicklungen in der Arbeits- und Lebenswelt von Angestellten stets mit dem Anspruch verbunden, sie im Kontext sozialstruktureller Veränderungen moderner Gesellschaften zu verorten, es ging ihm darum, die Angestelltenfrage nicht unter dem „Mythos der Mitte“ für die Klassenanalyse zu entsorgen.

Das Institut verliert mit Ulf Kadritzke einen unorthodoxen kritischen, aber stets loyalen Mitstreiter bei der Umsetzung unserer wissenschaftlichen sowie arbeits- und gesellschaftspolitischen Ziele – und einige von uns trauern außerdem um den Verlust eines Freundes.

 

Im Namen des SOFI

Herbert Oberbeck und Michael Schumann

                                  

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