Zur Auftaktveranstaltung des Forschungskolloquiums des Soziologischen Forschungsinstituts (SOFI) an der Universität Göttingen am Mittwochabend war die Paulinerkirche voll besetzt. Prof. Dr. Jürgen Kocka von der Freien Universität Berlin und sein Thema „Der Kapitalismus und seine Krisen“ hatte weit über 100 Zuhörer angezogen.

In seinem Vortrag umriss Kocka die wechselvolle Entstehung und Entwicklung des Kapitalismus. Ihm ging es dabei vor allem um die Einordnung und Neubewertung des Kapitalismus aus historischer Perspektive, wobei er globalhistorische Perspektiven als besondere Herausforderung thematisierte. Kocka begreift Kapitalismus nicht als Gesellschaftsmodell, sondern als eine Organisationsform des Wirtschaftlichens. Sie ist in unterschiedliche kulturelle und gesellschaftliche Kontexte eingebettet und entfaltet nur in dieser Einbindung praktische Wirksamkeit. Die globalhistorische Perspektive verspricht demnach Ausdifferenzierungen des Bildes von ‚dem’ Kapitalismus, das an westlichen Entwicklungen gebildet ist. Zur Entwicklung von Kapitalismus gehören Krisen unterschiedlicher Tiefe und Dauer. Tiefgreifende kapitalistische Krisen (um 1873 und 1929) trugen in der Vergangenheit zur Transformation des Kapitalismus bei und sicherten gerade dadurch letztlich seine Überlebensfähigkeit. Voraussetzung dafür sei jedoch, so Kocka, eine qualifizierte und gesellschaftlich durchsetzungsfähige Kapitalismuskritik. Die jüngste Krise, die seit 2008 die Weltwirtschaft erschüttert, habe zwar eine weit verbreitete politische Unzufriedenheit ausgelöst. Ob die derzeitige Kapitalismuskritik jedoch stark genug sein wird, um eine grundlegende Reform des Kapitalismus durchzusetzen, bleibt seiner Meinung nach abzuwarten. Rege Diskussionen im Anschluss machten deutlich, dass Kocka mit seinem Vortrag Fragen behandelte, die das zahlreiche Publikum unmittelbar bewegten.

 

>> zum Gesamtprogramm des Kolloquiums